Die Net Stable Funding Ratio (NSFR, deutsch: strukturelle Liquiditätsquote oder Nettostabile Refinanzierungsquote) ist eine bankaufsichtliche Kennzahl, die im Rahmen von Basel III eingeführt wurde und seit dem 28. Juni 2021 als verbindliche Mindestanforderung in der Europäischen Union gilt. Die NSFR ist in der Capital Requirements Regulation (CRR), konkret in der Verordnung (EU) 2019/876, verankert und dient der Sicherstellung einer nachhaltigen Refinanzierungsstruktur von Kreditinstituten über einen Zeitraum von einem Jahr.
Die NSFR wird als Verhältnis zwischen der verfügbaren stabilen Refinanzierung (Available Stable Funding, ASF) und der erforderlichen stabilen Refinanzierung (Required Stable Funding, RSF) berechnet. Die Mindestanforderung liegt bei 100 Prozent, das bedeutet, die verfügbare stabile Refinanzierung muss mindestens der erforderlichen stabilen Refinanzierung entsprechen. Ziel ist es, eine übermäßige Fristentransformation zu begrenzen und die Abhängigkeit von kurzfristiger Refinanzierung zu reduzieren.
Die NSFR basiert auf den Empfehlungen des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel Committee on Banking Supervision, BCBS) aus dem Jahr 2014. In der EU wurde sie durch die Verordnung (EU) 2019/876 (CRR II) als zweite zentrale Säule-I-Anforderung neben der Liquidity Coverage Ratio (LCR) verankert. Die Umsetzung erfolgt durch technische Durchführungsstandards (Implementing Technical Standards, ITS) der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA), die die detaillierten Meldeanforderungen festlegen.
Nationale Aufsichtsbehörden wie die BaFin und die Deutsche Bundesbank überwachen die Einhaltung der NSFR-Anforderungen. Für kleine und nicht komplexe Institute (Small and Non-Complex Institutions, SNCI) besteht die Möglichkeit, eine vereinfachte NSFR (simplified NSFR, sNSFR) zu melden, sofern sie die Kriterien gemäß Artikel 4 Absatz 1 Nummer 145 CRR II erfüllen und die Genehmigung der Aufsicht erhalten.
Die Berechnung der NSFR erfolgt nach der Formel: NSFR = ASF / RSF ≥ 100 Prozent.
Verfügbare stabile Refinanzierung (ASF):
Die ASF umfasst Eigenkapital und Verbindlichkeiten, gewichtet nach ihrer Stabilität. Längerfristige Refinanzierungsquellen (Laufzeit über ein Jahr) erhalten höhere Gewichtungsfaktoren (bis zu 100 Prozent), während kurzfristige Finanzierungen niedrigere Faktoren erhalten. Stabile Einlagen von Privatkunden werden mit 95 Prozent gewichtet, weniger stabile Kundeneinlagen mit 90 Prozent.
Erforderliche stabile Refinanzierung (RSF):
Die RSF wird aus den Aktiva und außerbilanziellen Positionen ermittelt, ebenfalls nach Gewichtungsfaktoren. Illiquide Vermögenswerte wie langfristige Kredite erhalten höhere RSF-Faktoren (bis zu 100 Prozent), während hochliquide Aktiva (High-Quality Liquid Assets, HQLA) niedrigere Faktoren (0 bis 15 Prozent) aufweisen.
Institute müssen die NSFR quartalsweise an die Aufsicht melden. Die Meldeformulare umfassen:
Für SNCI-Institute existieren vereinfachte Formulare (C 82.00, C 83.00), die eine geringere Granularität aufweisen, jedoch konservativere Gewichtungsfaktoren verwenden.
Die NSFR ergänzt die LCR, die die kurzfristige Liquiditätsausstattung für einen 30-Tage-Stresszeitraum sicherstellt. Während die LCR den Fokus auf akute Liquiditätskrisen legt, adressiert die NSFR strukturelle Liquiditätsrisiken und fördert eine langfristig nachhaltige Refinanzierungsstruktur.
Die NSFR reduziert das Risiko von Liquiditätsengpässen infolge übermäßiger Fristentransformation und stärkt die Widerstandsfähigkeit des Bankensektors gegenüber Finanzierungsstress. Sie zwingt Institute, ihre langfristigen Aktiva mit entsprechend stabilen Passiva zu refinanzieren, was die Finanzmarktstabilität erhöht.
Die NSFR hat erhebliche Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle von Banken. Institute müssen ihre Asset-Liability-Management-Prozesse (ALM) anpassen, um eine ausgewogene Bilanzstruktur sicherzustellen. Die Steuerung der NSFR ist komplexer als die der LCR, da die gesamte Bilanz betrachtet werden muss und Anpassungen tendenziell aufwendiger und kostenintensiver sind.
Die Integration der NSFR in die Gesamtbanksteuerung, das Risikoreporting und die Funds-Transfer-Pricing-Systeme (FTP) ist erforderlich, um eine effektive Steuerung der strukturellen Liquidität zu gewährleisten.
Weiterführende Details, regulatorische Vorgaben und Methodikbeschreibungen finden Sie auf Regupedia: www.regupedia.de
Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an. Wir senden Ihnen eine E-Mail zum Zurücksetzen Ihres Passwortes.